Kreative Symmetrie ist transportierende Energie

Verfasst von: Marion Wolters
Ein Kreis mit einem Punkt in der Mitte: etwas Einfaches, Alltägliches, kaum Nennenswertes. Vielfach gesehen und doch nicht bemerkt. Was könnte das bedeuten? Die ersten Malversuche eines Kindes könnte man meinen. Oder eine Höhlenmalerei aus der Steinzeit. Vielleicht ist es auch in einer ägyptischen Pyramide gefunden worden oder es handelt sich um einen zeitgenössischen Gegenstand, ist Bestandteil einer Marketingkampagne. Was denken Sie?

Interessanterweise haben viele Leser des Buches "Sunlight point" der Autorin dieses Artikels https://www.amazon.de/Sunlight-point-Sonnenlichtpunkt-Marion-Wolters/dp/3748159358 die Frage religiös beantwortet. Als ewiger Kreislauf, der keinen Anfang und kein Ende hat. Oder als Kreis, in dem das ganze Universum eingeschlossen ist und der Punkt in der Mitte den schöpferischen Impuls darstellt. Welche Ideen inspiriert das Wort "Sunlight point" in Ihrem Kopf? Als Kreis mit einem Punkt in der Mitte? Lässt man die religiösen Konzepte außen vor und reduziert den schöpferischen Impuls auf sprachschöpferische Tätigkeiten, entsteht ein Erlebnisraum, der abhängig vom Niveau der Einzelnen, sehr unterschiedlich gestaltet werden kann.

Ein globales Übersetzungsprojekt setzt die Zusammenarbeit mehrsprachiger Menschen mit hervorragender linguistischer Ausbildung voraus. In einer solchen Gruppe können neue Wortschöpfungen entstehen, die sich auf den Inhalt beziehen. Zwischenzeitlich wird z. B. durch eine 1:1 Übersetzung ein neuer Begriff in Leben gerufen, der überleitet in eine teameigene Sprache. Die Teilnehmer kommunizieren nicht alle auf dem gleichen kreativen Niveau, jedoch auf Augenhöhe. Diese Verhaltenssymmetrie erzeugt zusammen mit der kreativen Eigenleistung eine Energie, die z.B. neue phonetische Möglichkeiten entstehen lässt. Sie können mittels musikalischer Symmetrie (wie bei "Bruder Jakob") Metaphern transportieren, die unmittelbar visuell einleuchten. In einem lebendigen Austausch werden neben symmetrischen (z.B. "Ton tut Not") auch asymmetrische Abwandlungen in den Raum geworfen.

Sind diese Abwandlungen nur geringfügig oder transportieren sie ein Bild in den Köpfen der Sprachschöpfenden, das sehr unterschiedlich ausfällt? Je nach Tagesform und Sprachgebrauch des Wortkreativen kann dieses nicht zuletzt auch von der aktuellen beruflichen und privaten Situation beeinflusst sein. Wie transportiert man das gleiche Bild als Erkennbares, Erkanntes, Bekanntes, Benanntes, Verkanntes, Unerkanntes, Verwandtes, Elegantes in die Köpfe seiner Gegenüber? Gibt es einen intersubjektiven Prozess, der diese kreative Symmetrie auslösen und die transportierende Energie so beeinflussen kann, dass sie diese Leistung erbringt? Die Lösung befindet sich nur wenige Wörter entfernt.

Und sie ist ganz einfach: man malt den Begriff, singt ihn, tanzt ihn. Drückt ihn auf eine Weise aus, die zwar interpretierbar ist, aber für alle im Denken und Erleben auf sehr ähnliche Weise nachvollziehbar ist. Die Schönheit, die dabei entsteht, ist auch ein Ausdruck von Symmetrie. Weitere Charakteristika sind Ordnung, Stabilität, Perfektion und Erfolg. Doch eine hundertprozentige Symmetrie ist nicht wünschenswert. Sie wirkt langweilig und verhindert jene Einzelheiten, die als Wiedererkennungsmerkmal dienen. Jene Kleinigkeiten, die man nicht vergisst, weil sie einzigartig und liebenswert sind. Solche sprachlichen Schönheiten gilt es zu erschaffen.