Gehen ist Glück

Verfasst von: Marion Wolters
Gehen. Nicht Laufen. Nicht walken. Aber talken. So kurz wie die vorhergehenden Sätze sind die Gedanken, die man sich über das Gehen macht. Gehen. So alltäglich, so selbstverständlich, dass man sich nicht weiter damit beschäftigt. Oder doch? Ein Rap auf das Gehen wäre innovativ. Für die Menschheit, die neue Entdeckungen und die mit ihr einhergehenden wegweisende Erfindungen machen möchte. Gehend denken. Ideen schenkend.

Wenn man den Körper als eine physikalische Einheit betrachten würde, könnte man die Beine mit nach vorne schwingenden Pendeln vergleichen. Die Eigendynamik (siehe auch das Buch "Tiaré? Entrez!" der Autorin dieses Artikels) des Gehens ermöglicht dabei eine anstrengungsfreie Bewegung. Während man beim Joggen kurze Flugphasen und u.a. einen höheren Kalorienverbrauch verzeichnen kann, werden beim Gehen Muskeln und Gelenke geschont. Man kann stundenlang mühelos gehen, jedoch nicht rennen. Es gibt Formeln, die die Gehgeschwindigkeit u.a. mittels der Beinlänge ermitteln. In der Praxis ist dies z. B. für die Länge einer Ampelschaltung wichtig, damit die Fußgänger sicher auf die andere Strassenseite gelangen können. Doch wer misst schon die Gehgeschwindigkeit eines Schmetterlings?

Es gibt viele Lieder in der Musik, die vom Gehen handeln. Solange es dabei um das Gehen auf dem Planeten Erde geht, ist dieses auch nachvollziehbar. Schwieriger wird es in Liedern, in denen ein Spaziergang auf anderen Planeten besungen wird, wo die veränderte Schwerkraft dies bekanntermaßen nur bedingt zulässt. Hier ist es eher eine Mischung aus Gehen und Hüpfen, die die Fortbewegung ermöglicht. Gehen ist bodenständiger. Man ist immer im Kontakt mit der Erde und kann sein Ziel sicher ansteuern. Die Verletzungsgefahr ist entsprechend geringer als beim schnellen Laufen, wo man durch die Schnelligkeit der Bewegung schon mal ein Hindernis übersehen und stolpern kann.

Das Gehen findet sich in vielen Zitaten aus den unterschiedlichsten Jahrhunderten und Lebensbereichen wieder. "Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse; man kann gut auf ihr gehen - doch es wachsen keine Blumen auf ihr", sagte Vincent van Gogh. Es gibt viele andere Zitate, in denen Gehen im übertragenen Sinne gebraucht wird, zum Beispiel im Sinne von "den Weg gehen und finden". Wenn man sich auf den Füßen schrittweise fortbewegt, hat man mehr Zeit, um detailliert zu schauen. "Wer geht sieht mehr als wer fährt" wusste schon Johann Gottfried Seume.

Gehen. Im Frühling. Von Stadteil zu Stadteil, von Fest zu Fest. Hier eine Speise probieren und dort eine neue Aktivität ausprobieren. Sommerlich gekleidet, in bequemen Schuhen und mit wenig Gepäck. Neue Winkel der Stadt und geistige Horizonte erkunden. Sich freuen, dass man Zeit hat, seinen Körper und Geist einfach gehen lassen zu können. Ungehindert, im eigenen Tempo, so lange und ausführlich wie man selbst möchte. Kleine Abenteuer jenseits des Alltags und doch mit ihm immer in Verbindung. Losgelöst von den Zwängen und sie doch immer bejahend. Freiheit von und in der Bindung. Gehen ist Glück.