Experimente an vergessenen Orten

Verfasst von: Marion Wolters
Palmen umgeben einen kristallklaren Fluss, der von einem Berg fließend ins Meer mündet. Am Strand trommelt eine internationale Gruppe von Rastafaries und singt Lieder bekannter und unbekannter Reggaegruppen. Ein abgelegener, schwer zugänglicher Ort, der nur Insidern bekannt ist. An den man nur gelangt, wenn man den steilen Abhang ohne Trampelpfad unfallfrei schafft. Am unberührten Strand trifft man auf eine in sich stimmige Szene. Doch wieso steht dort eine alte, offensichtlich seit Jahrzehnten nicht mehr genutzte Kapelle?

Man kennt diese Geschichte in ihren zahlreichen Varianten, weil sie Teil der eigenen Geschichte sind. Die vergessenen Objekte, die man gerne an einzigartigen und in gewisser Weise auch eigenartigen Orten betrachtet. Vielleicht hat man die historische Seite schon beleuchtet, die geologischen Fakten eruiert. Jetzt gilt es, das Messbare mit dem Unerlässlichen zu verbinden. In Beziehung zu treten mit dem weniger Fassbaren. Der Faszination des Verfallenen und des Verfalls im Allgemeinen. Oder man vermisst die Perfektion des Ortes und ergänzt die fehlenden Dinge im Geiste, inhaliert die Atmosphäre mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen.

Welche Tiere sind an diesem Ort? Gibt es exotische Exemplare wie metallisch blau oder grün schillernde Käfer? Welche kleinen und großen Pflanzen prägen die Szenerie? Welche Töne, Geräusche, Düfte sind wahrnehmbar? Wie ist das Licht? Was dominiert, was hält sich zurück? Wie schaffen all die messbaren und unfassbaren Kriterien eine Atmosphäre? Wie würde man diese einem fremden Menschen vermitteln? Wäre sie mit Worten zu transferieren oder müsste man anders agieren? Für wen wäre dieser Ort aus welchen Gründen eine wichtige Bereicherung? Oder sollte dessen Existenz besser nicht kommuniziert werden, um dem Ort auch weiterhin ein ungestörtes Dasein zu ermöglichen?

Ungestörtes Dasein in der Stille, die über den vergangenen Ereignissen des Ortes liegt. Man könnte sich vorstellen, dass man sich in der Zukunft befindet. Wie möchte man, dass sich dieser Ort entwickelt hat? Was könnte in beispielsweise hundert Jahren alles an diesem Ort geschehen sein? Vielleicht sind diese Gedankenspiele lustig. So anregend, dass man es nicht dabei belassen möchte und aktiv in die Geschichte des Ortes eingreifen möchte. Man beginnt schon, einen detaillierten Plan zu entwerfen und ist bereit, die eigene Zeit, Finanzkraft und Expertise zu investieren.

Manche Menschen sind weniger leicht für die praktische Umsetzungen eigener Ideen zu begeistern, sondern mehr an einer psychologischen Deutung interessiert. Wie könnte diese aussehen? Man könnte sich einen vergessenen Ort als einen Platz vorstellen, der Teil einer inneren Landschaft ist. Wie sieht diese Landschaft zu verschiedenen Zeiten des eigenen Lebens aus? Welche vergessenen Orte gilt es aus welchen Gründen wieder ein oder mehrmals zu besuchen? Welche Gefühle aktiviert ein solcher Besuch? Welche Fähigkeiten und Erkenntnisse ermöglicht er mir? Vielleicht wächst die Freude, die innere Landschaft komplett zu verändern. Wer Spaß an psychologisch/philosophischen Experimenten an vergessenen Orten hat, dem sei das nachfolgende Buch empfohlen: https://www.bod.de/buchshop/seinsqualitaet-marion-wolters-9783755712091

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